Der CDU-Stadtverband hatte das richtige Thema getroffen. Zur Diskussion über den wachsenden Fachkräftemangel kamen 20 Gäste. Schule, Wirtschaft und Politik sollen sich des Problems stärker annehmen, so das Fazit.

Quelle: Südthüringer Zeitung / Freies Wort vom 20. Februar 2016 – Foto/Text: Erik Hande

Schmalkalden – Längst sind Klagen darüber, dass nicht genügend Fachkräfte verfügbar sind, Alltag in heimischen Betrieben. Die Personalnot werde aber noch größer, schilderte Andreas Trautvetter in seinem einleitenden Vortrag. Im Landkreis lebten Ende 2014 rund 32 700 Menschen im Alter von 50 bis 65 Jahren. Doch der Nachwuchs, der ihnen einmal in den Betrieben folgen soll, zählt im Alter von 0 bis 15 Jahren nicht einmal halb so viel, sondern nur 14 100 Kinder und Jugendliche.

„Es ist also jetzt schon absehbar, dass wir die frei werdenden Arbeitsplätze nicht ohne Zuwanderung besetzen können“, sagte der frühere Thüringer Innen-, Finanz- und Verkehrsminister. Die Studie habe er vor knapp zwei Jahren begonnen, als die Flüchtlingskrise noch kein Thema war. Daher beziehe er sich bei Zuzug auf Menschen aus strukturschwächeren Regionen mit höherer Arbeitslosigkeit, betonte Trautvetter. Doch für einen Zuzug müsse die Region attraktiver werden und vor allem geschlossener um Fachkräfte werben. Zugleich gelte es, einen Teil der zehn Prozent Schüler, welche die Schule ohne Abschluss verlassen, soweit zu bringen, dass sie doch eine Berufsausbildung absolvieren können, nannte Trautvetter weiteres Potenzial. Allerdings würden diese Anstrengungen nicht ausreichen. Es brauche auch der Pendler, um die Wirtschaftsregion mit Fachkräften zu stärken. Deren Rückkehr stünde aber meist das wesentlich niedrigere Lohnniveau im Weg. Zustimmung, aber auch Korrekturen, gab es zu dem Vortrag in der Runde im Aktiv & Vital Hotel in der Notstraße. Es gelte, nicht mehr nur touristische Werbung für die Region zu betreiben. Vielmehr müsse diese dringend ganzheitlich um die Werbung von Arbeitskräften ergänzt werden, warb CDU-Stadtverbandsvorsitzender Ralf Liebaug um Anpassung. Der Tourismus bringe vielleicht zehn Prozent der Wirtschaftskraft, die anderen 90 Prozent kämen vornehmlich aus Industrie, Gewerbe, Handwerk und Handel. Und das seien genau die Bereiche, wo dringend Fachkräfte benötigt werden. Er habe sich mal eine Karte angeschaut, schilderte der Möckerser Thomas Schöneburg, in der dargestellt wurde, wie lange ein Beschäftigter arbeiten muss, um sich in seiner Region ein Haus kaufen zu können. Demnach würden Städte wie München und andere Pendlerziele schlecht aussehen. Daher solle man bei der Suche nach Fachkräften auf solche praktischen Argumente setzen. Denn die Region Schmalkalden schneide dabei ganz gut ab. Weiter sprachen mehrere Teilnehmer der Runde dazu, dass es wichtig sei, Kindern und Jugendlichen früher Einblicke in Firmen zu gewähren. Nur so könne der Nachwuchs den Arbeitsalltag realistisch verstehen lernen. Wenig schmeichelhaft kam das deutsche und Thüringer Bildungssystem weg, dessen Ineffizienz mehrfach kritisiert wurde. Schüler hätten nachweisbar immer weniger Kenntnisse, wussten Ausbilder. Künftige Auszubildende müssten Hammer, Bohrer, Zange viel eher – und nicht erst in den wenigen verbliebenen Lehrwerkstätten – kennenlernen.

„Es ist also jetzt schon absehbar, dass wir die frei werdenden Arbeitsplätze nicht ohne Zuwanderung besetzen können.“
Andreas Trautvetter

Ebenso gelte es, der Meinung entgegenzutreten, dass Berufe in der Metall- oder Kunststoffbranche nur solche mit „dreckigen Händen“ seien. Dann würde sich mancher vom Abiturziel verabschieden und lieber von Beginn an eine gewerbliche Ausbildung anstreben. Sigold Müller, der Leiter des Berufsbildungszentrums, hielt ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, Jugendlichen ein realistisches Bild von der Wirtschaft zu geben. Es gebe aber auch durch Betriebe verursachte Probleme. So sei es schwierig, Praktikaplätze für die Schüler, zum Beispiel für das Berufsvorbereitungsjahr, zu finden. Firmenchefs müssten stärker begreifen, dass sie sich ihren Nachwuchs sichern müssen. „Die Zusammenarbeit mit Schulen muss viel enger werden“, betonte er außerdem. Die Schmalkalder Berufsmesse fand bei ihm durchaus Anklang, aber „kein Handwerker habe Zeit, sich da anderthalb Tage hinzustellen“. Auch sei es nicht ureigenster Sinn, dass am ersten Vormittag der Berufsmesse die Gymnasiasten durchs Karree fegen und an den Ständen Ausschau nach Werbeartikeln halten. Echt nachgefragt seien bei der Messe ohnehin nur die Stände der Geldinstitute, Verwaltungen und ähnlicher Unternehmen. Die aber hätten geringere Nachwuchssorgen.

Nachdem Teilnehmer der Runde Erfahrungen zur Fachkräftesicherung aus anderen Regionen geschildert hatten, war man sich beim CDU-Stammtisch am Donnerstag einig, dass man in Schmalkalden enger zusammenrücken müsse, um das Problem zu klären. Er wolle den Vorschlag unterbreiten, zum nächsten „Unternehmerfrühstück“ Vertreter aus Betrieben, Kommunen und Schulen an einen Tisch zu holen und Lösungen zu suchen. Wer heute auf Flüchtlinge als Fachkräfte zähle, der dürfe seine Vorstellungen korrigieren, ergänzte Andreas Trautvetter. Die bräuchten laut verschiedenen Studien fünf bis sieben Jahre, ehe sie in die heimische Wirtschaft integriert werden könnten.